Pferde, Pfannen, Psychiatrie

Nach jetzt schon über drei Wochen in Leeton, fühlen wir uns jetzt tatsächlich ein wenig wie zuhause. (Das geht übrigens viel schneller, wenn man, durch Reisen der restlichen Familienmitglieder gezwungen ist, ständig nach irgendetwas zu suchen und dadurch bald zu wissen, wo alles liegt.) Unser Aufgabengebiet hat sich mittlerweile aufs Kochen für alle ausgeweitet, da unsere Gastfamilie wohl festgestellt hat, dass unser “only a little”-Kochen doch nicht zu schlecht ist und so probieren wir uns jetzt an (Gemüse-)Lasagne, gefüllten Paprika, Kaiserschmarrn, Spinat-Käseknödeln und vor allem an Kartoffelbrot, das deutsches Brot zumindest halbwegs ersetzen kann und auch von unserer Aussie-Familie gerne gegessen wird. Auch das Frühstück ist meistens unsere Aufgabe (kocht jemand von euch seine Eier auch in eine wpid-img-20150606-wa0002.jpgSchüssel Wasser geschlagen in der Mikrowelle?) und der Abwasch… Die Spülmaschine ist so eine tolle Erfindung! Aber leider hier in der alten Küche noch nicht vorhanden. Ansonsten wird noch Sebastian bespaßt, falls er nicht in der Vorschule ist. Ich frage mich, ob es irgendetwas gibt, womit man ihn müde bekommt… Er redet und redet und hüpft und redet und das den ganzen Tag, inklusive dem Essen, was dadurch dann auch mal eine Stunde dauern kann. Und ich vertehe absolut nicht mehr, warum Au Pair immer weiblich sind. Flo macht seinen Job als Kinderentertainer eindeutig besser als ich. Ich bin nach drei Stunden Schatzsuche mit Augenklappen und Säbel schon ziemlich erledigt. Aber Flo.. Niemals!

Flo lernt jetzt übrigens reiten. Auf einem ziemlich kleinen Pony, das kein Kind reiten mag, weil es ständig bockt. Nachdem ich es ein paar mal geritten bin, hat es wohl eingesehen, dass ich nicht so leicht im Sand lande und es ziemliche Energieverschwendung ist, es weiter zu versuchen und benimmt sich jetzt tatsächlich. Also wird Flo darauf jetzt reiten beigebracht. Allerdings immer nur recht kurz, da Coco wirklich nicht groß ist und Flo eben doch mehr als 25 kg wiegt. Aber da das ihn auch nicht daran gehindert hat, bei seinem ersten Reitversuch quer über den Reitplatz zu düsen, denke ich, das geht für ab und an in Ordnung. Sarah ist leider schon wieder für ein paar Tage in Sydney auf Schulwettkampf, aber wenn sie zurück ist, bekommt Flo dann auch mal eine Longe und ich eine Reitstunde auf dem Großen.

Natürlich haben wir aber auch freie Tage, die sich allerdings, wie ich finde, nicht soo sehr von den Arbeitstagen unterscheiden 😀 Wir füttern die Pferde meistens trotzdem, um unseren Gasteltern ein bisschen Stress zu ersparen (Sarah reitet oft schon vor der Arbeit, sitzt also gegen 7:30 auf dem ersten Pferd und Tobias… Sarah meint, er hätte eher eine europäische innere Uhr, deswegen arbeitet er oft bis spät in die Nacht und schläft dafür morgens sehr lange.) und machen uns Frühstück (und das für Sebastian dann meistens einfach gleich mit).

An unseren freien Tage Verschiedenes gemacht:
Einmal waren wir in Narrandera (etwas größere Stadt, ca. 30 Min. entfernt) und haben eine wpid-dsc_0482.jpgTrekking-Tour durch ein Koala-Reservat gemacht. Gleich beim Parken trafen wir eine Frau, die meinte, wir müssten viel Glück haben, da selbst die meisten Einheimischen noch nie einen Koala gesehen hätten und uns viel Erfolg wünschte. Das Reservat ist aber auch riesig und es leben insgesamt ca. 200 Koalas darin. Wir liefen einfach drauf los und siehe da: Nach 10 Minuten hing er einfach auf einem Ast über dem Weg und futterte seine Eukalyptus-Blätter! (An alle, die einen Koala mitgebracht bekommen wollten: Er war wirklich nicht vom Baum zu bewegen, es tut mir sehr leid!) Die folgenden zwei Stunden unserer Tour waren dann allerdings koalalos, aber auch die Eukalyptusbäume sind schön anzusehen 😉
Pfingstmontag (hier Feiertag) hat Sarah zuhause Reitunterricht gegeben und wir haben ein bisschen dabei zugesehen und ich musste feststellen, dass da noch eine Menge neuer Vokabeln auf mich zukommen. In der Schule ist eben das einzige “pferdige” Wort “horse” selbst. Der Rest.. puh… Aber es wird!

wpid-img_20150613_164118.jpgAm nächsten Tag haben wir uns auf die “Leeton-Adventuretour” (so heißt es zumindest im Touri-Flyer) begeben, die uns erst einmal wieder nach Narrandera führte, diesmal auf eine Tour durch die “Wetlands”, in denen es unzählige Vogelarten (u.a. Papageien und Pelikane) zu bestaunen gab. Auch Schnabeltiere sollen dort leben, aber wir haben leider keines gefunden. Danach fuhren wir eine schier endlose Kies-Straße entlang, die unseren Paschulke ganz schön durchrüttelte und uns zu einem Staudamm brachte, der laut dem Flyer eine wichtige Rolle für die Wasserversorgung der Region spielt. Nicht sehr abenteuerlich, aber zumindest ein guter Platz für ein Mittagessen. Gesättigt ging die Reise weiter nach Wagga Wagga, wo wir uns eigentlich den botanischen Garten anschauen wollten, jedoch daran gescheitert sind, dass wir lieber in den verschiedenen Reit- und Arbeitsshops nach vernünftigen Schuhen gesucht haben, die dort tatsächlich auch für unter 100 AUD zu bekommen sind. Bis das dann endlich mal erledigt war (Die Verkäuferinnen waren sehr interessiert daran, wo wir denn herkommen und was wir in Wagga machen und wollten uns gleich noch helfen Arbeit zu finden (und sie haben unser Englisch gelobt! :):)), wurde es schon dämmrig und da wir gewarnt worden waren, im Dunkeln zu reisen (die Truck-Fahrer hier haben extrem kurze Zeitfenster zu liefern und nehmen deshalb oft Drogen, um den Schlafmangel auszugleichen, von denen sie Wahnvorstellungen bekommen und aus denen immer wieder gefährliche Situationen auf den Straßen resultieren.), machten wir uns wieder auf den Heimweg.

An unserem letzten freien Wochenende verließen wir Leeton auch mal wieder über Nacht und fuhren drei Stunden Richtung Süden nach Beechworth, wo wir Karten für eine “Ghost-Tour” gebucht hatten. Um 20 Uhr (fast schon Schlafenszeit an Arbeitstagen :D) betraten wir die alte Psychatrie, die 1995, nach 128 Jahren in Betrieb stillgelegt wurde und in der es angeblich spukt. (Es lassen sich auch Geisterjäger-Touren mit Nachtsichtgeräten, Laser-Thermometern und allem möglichen anderen Equipment buchen, aber da keiner von uns an Geister glaubt, war uns die andere Tour mit historischen Aspekten eindeutig lieber.)

Wir wurden mit Laternen ausgestattet und unser gewandeter Tourguide Alexander (er spielte den damaligen Koch der Anstalt) begann uns durch die verschiedenen Trackte zu führen. Wir hörten allerlei Geschichtliches, aber auch Geschichten ehemaliger Patienten, Geistergeschichten und Alexander wurde nicht müde uns immer wieder zu erschrecken. Als wir anfangs die ca. 13-jährigen Mädchen sahen, die zu unserer Gruppe gehörten und sich mit erstaunlicher Ausdauer mit ihrem Selfie-Stick vor dem Gebäude fotografierten, verdrehten wir schon die Augen, allerdings sorgten sie später für viele Lacher, da unser Guide sie immer wieder einzeln ohne Laterne in dunkle Gänge vorlaufen ließ, wobei sie sich furchtbar anstellten. Geister haben wir natürlich keine gesehen, aber viel Interessantes gehört und nebenbei den bisher schönsten Sternenhimmel überhaupt betrachtet.

Auf dem Weg zu unserem “Campingplatz” (eine kleine Ausbuchtung der Dirt-Road durch den Wald) sprang uns glatt noch ein Känguruh kurz vor dem Camper über den Weg. Leider hat es mal wieder nur Flo gesehen, da ich die Karte gelesen habe…

Am nächsten Tag fuhren wir zu den Woolshed Wasserfällen und wpid-dsc_0589.jpg

wpid-dsc_0029_1.jpgweiter nach Albury auf einen kleinen Bauernmarkt, wo wir ein wenig einkauften und daraufhin in die Stadt, in der wir eine App-gestützte Tour machten, die uns die verschiedenen historischen Gebäude zeigte (“Historisch” ist in Australien immer relativ zu sehen, die Gebäude sind im Grunde ja nie älter als 200 Jahre) und uns schließlich im Library-Museum enden ließ, wo wir uns eine Ausstellung über Einwanderer in Australien anschauten. Ich bin immer noch fasziniert davon und frage mich, wie es gewesen sein muss, auf einem Kontinent zu landen, auf dem es weder wirkliche Städte, geschweige denn Straßen oder eine halbwegs vernünftige Infrastruktur gab und das alles mit Kindern und so gut wie keinem Gepäck.

Was gibt es sonst noch…

Auch in Leeton kann man Kontakte knüpfen! Unsere Gastfamilie hatte ein paar mal Besuch. Zuerst von Linley und ihrer Tochter Keira, die mit ihrem neuen Pferd kam, welches sich Sarah mal anschauen sollte, da noch nicht ganz sicher war, ob sie es behalten wird. Linley hat uns gleich eingeladen, doch auch mal bei ihr vorbei zu kommen und so haben wir jetzt sogar schon eine Bleibe, wenn wir uns nach Canberra aufmachen.

Und ein paar Tage später von Tristyn, die vor Jahren zusammen mit Sarah in Europa auf Voltigierwettbewerben unterwegs war und die letzten drei Monate durch Australien gereist ist (viele Australier bedauern, dass sie von ihrem eigenen Land noch so wenig gesehen haben). Mit ihr waren wir Sarah in der Schule im Nachbarort besuchen, in der sie Reitunterricht gibt, die “Yanco Agricultural High School”. Die Schüler dieses wpid-dsc_0478.jpgInternats lernen neben “normalen” Schulfächern auch Dinge wir Reiten, Viehhaltung, Metallarbeiten, Traktorfahren… und deshalb sieht die Schule mehr aus wie eine riesige Farm. Auf dem Heimweg hab dann auch ich endlich eine Herde Kängurus gesehen, leider waren sie seehr fotoscheu.

Aber so schön es in Leeton auch ist, wir wollen auch noch andere Teile Australiens entdecken und somit haben wir uns entschieden, um den 26.06. die Weiterreise anzutreten.

Es wird uns schwer fallen unsere Gastfamilie zu verlassen, da wir hier eine wirklich schöne Zeit haben und von der Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit für unsere (wirklich nicht schwere) Arbeit begeistert sind. -s

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One Comment

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  1. Erst mal ein Kompliment zu den Posts – eure Erzähl-Qualitäten nehmen – angefangen von einem schon angenehm lesbaren Niveau – eindeutig zu. Ansonsten viel Erfolg auf euren nächsten Stationen!

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